Seite erstellt am 18.08.1998
 Seite aktualisiert am 16.04.2014

Gesundheitspsychologie > Berufsfeld > Tätigkeitsfelder >
Kommunale Gesundheitsförderung als Berufsfeld

Dipl.-Psych. Martina Abel

Dieses Referat wurde auf dem BDP-Kongreß 1995 zum Oberthema „Zukunftsperspektiven der Psychologischen Gesundheitsförderung als Berufsfeld" gehalten.

Gliederung: 

  1. Leitgedanken Kommunaler Gesundheitsförderung
  2. Die Vision der Gesunden Stadt
  3. Leitstelle Gesundheitsförderung im Gesundheitsamt Köln
  4. Handlungsfelder der kommunalen Gesundheitsförderung
  5. Kommunale Gesundheitsförderung als Tätigkeitsfeld für PsychologInnen
  6. Perspektiven

Fazit


1. Leitgedanken Kommunaler Gesundheitsförderung

Kommunale Gesundheitsförderung bezeichnet einen Blickwinkel wie auch einen Handlungsansatz im Rahmen des Gesamtkonzeptes von Gesundheitsförderung. Dabei bildet das lokale Lebensumfeld - die Stadt, das Dorf, der Stadtteil den Ausgangspunkt und auch Ansatzpunkt von Maßnahmen.

Die Kommune gilt als ein Produktionsort von Gesundheit. Denn es sind die lokalen Umwelt- und Lebensbedingungen, die die gesundheitliche Lage der dort lebenden Menschen beeinflussen, ebenso wie die örtlichen sozialen und kulturellen Gegebenheiten und das Angebot an Gesundheitsdiensten und Selbsthilfemöglichkeiten. Es sind die lokalen Kommunikationswege, die Vernetzungsformen, die Strukturen in städtischen Dienststellen und anderen Institutionen vor Ort, die bei gesundheitsbezogenen Veränderungsprozessen eine zentrale Rolle spielen.

Die grundsätzliche Zielvorstellung, bessere und gleichere Gesundheitschancen für alle Mitglieder der kommunalen Gemeinschaft zu erreichen, wird in konkrete Teilziele sowie in konkrete Maßnahmen und Projekte umgesetzt. Die Kommune ist dabei als ein komplexes Funktionssystem zu sehen, in dem Veränderungen in Teilbereichen weitreichende Folgen nach sich ziehen können (‘Initialzündung’).

Ebenen, bei denen Maßnahmen und Projekte ansetzen können, sind:

  • das Gemeinwesen (Stadt, Stadtteil, Viertel etc.)
  • Organisationen
  • Gruppen
  • Einzelne

Dabei kommen übergreifende Merkmale von Gesundheitsförderungsprozessen zur Wirkung:

  • innovative Impulse

  • strukturelle Veränderungen

  • Kooperationsentwicklung

  • Umgestaltung von Lebensweisen und Lebensbedingungen

2. Die Vision der Gesunden Stadt

Ob es in Deutschland "Gesunde Städte" geben kann, speziell wenn es um Großstädte geht, sei dahingestellt. Daß es aber Städte gibt, die sich die Idee von ‘mehr Gesundheit’ zu eigen gemacht haben und sich dafür einsetzen wollen, zeigt das „Gesunde-Städte-Netzwerk" der Weltgesundheitsorganisation. Im Deutschen Gesunde Städte Netzwerk sind ca. 35 Städte Mitglied (Stand 1995)

Das Netzwerk hat sich den folgenden Zielen verpflichtet:

  • Abbau gesundheitlicher Chancenungleichheiten,
  • Förderung der Gesundheit im Sinne des Gesundheitsbegriffes der WHO, also mit der Zielperspektive umfassenden körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens, 
  • aktive Beteiligung und Mitwirkung der Bevölkerung an diesem Prozeß, 
  • multisektorale Zusammenarbeit mit allen Politikbereichen, gesellschaftlichen Gruppierungen und Gruppen,
  • Weiterentwicklung einer primären Gesundheitsversorgung, 
  • koordinierte nationale und internationale Zusammenarbeit.

Eine „Gesunde Stadt" zeichnet sich durch gesundheitsfreundliche Bedingungen in allen Lebensbereichen ab. Dies sind z. B.:

  • Freizeit und Erholung

  • Arbeit und Beschäftigung

  • Wohnbedingungen

  • Energieversorgung

  • Verkehr

  • Kunst und Kultur

  • Soziale Dienste

  • Umweltschutz

  • Erziehung

  • Medizinische Versorgung

Daraus folgt, daß Gesundheitsförderung eine Querschnittsaufgabe ist, die in vielen Subsystemen der Kommune zum Tragen kommen muß, z.B. in Politik, Wissenschaft, Gesundheitswesen, Erziehung, Familie, Wirtschaft usw..

Um diesem umfassenden Ansatz der kommunalen Gesundheitsförderung annähernd gerecht werden zu können, wurde in Köln die „Leitstelle für Gesundheitsförderung" als neue Abteilung im Gesundheitsamt gegründet.

3. Leitstelle Gesundheitsförderung im Gesundheitsamt Köln

Die Leitstelle entstand 1990 im Rahmen einer Umorganisierung des Kölner Gesundheitsamtes aus dem Bewußtsein, daß neue Aufgaben des öffentlichen Gesundheitsdienstes auch neue Strukturen erfordern. Diese neuen Aufgaben bestehen unter anderem in der Anwendung des Konzeptes der Gesundheitsförderung und in der verstärkten Ausübung von koordinierenden, planenden und initiierenden Funktionen. Eine weitere Aufgabe liegt in einer notwendigen Umorientierung, in der eine verstärkte Kooperation mit Bürgerinnen und Bürgern, mit Initiativen und Institutionen des Gesundheitswesens bei der Bewältigung drängender Gesundheitsprobleme in der Kommune angestrebt wird.

Die Leitstelle ist der Amtsleitung des Gesundheitsamtes angegliedert und arbeitet eng mit dieser zusammen. Sie ist also in diesem Sinne eine Stabsstelle. Die Leitstelle besteht aus einem multidisziplinären Team aus verschiedenen Berufsgruppen, z.B. Psychologen, Sozialwissenschaftlern und Verwaltungskräften. Insgesamt sind momentan 8 Personen in dieser Leitstelle tätig.

Ihre wichtigsten Aufgaben sind:

  • die Konzeption und Durchführung von Projekten zur kommunalen Gesundheitsförderung (in der Regel zusammen mit anderen Dienststellen der Stadtverwaltung, mit Gesundheitsanbietern, z.B. Krankenkassen, und mit Selbsthilfegruppen)

  • Gesundheitsplanung, vor allem im Bereich der Psychiatrie

  • Kommunale Gesundheitsberichterstattung

  • Selbsthilfeförderung

  • Öffentlichkeitsarbeit

  • die Organisation der Kölner Gesundheitstage

  • die Geschäftsführung des Kölner Gesundheitsforums

  • die Geschäftsführung der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft

  • die Koordinierung der Aktivitäten der Stadt Köln im Gesunde-Städte-Netzwerk (z.B. die Ausrichtung des Gesunde-Städte-Symposiums 1993 in Köln)

  • Service-Telefon für Bürgerinnen und Bürger zu allen Fragen der Gesundheit.

Die Aufgaben der Leitstelle finden ihre praktische Umsetzung in spezifischen Handlungsfeldern der kommunalen Gesundheitsförderung.


4. Handlungsfelder der kommunalen Gesundheitsförderung

Die kommunale Gesundheitsförderung umfaßt folgende Handlungsfelder:

  • Gesundheitsidee implementieren
    • Gesundheit neu definieren:
    • ganzheitlicher Ansatz, positive Ressourcen, Empowerment
    • Gesundheit und innovative Möglichkeiten von Systemen
    • Lobby für Gesundheit schaffen
    • Öffentlichkeitsarbeit
  • Gesundheitswesen erneuern
    • Gesundheit als Querschnittsaufgabe
    • neuer „Gesundheitsdreh“ für Organisationen
    • neue Partnerschaften
  • Verbindung zur Gesamtpolitik
    • Gesundheitsförderung als Thema über das Gesundheitssystem hinaus
    • Gesundheit als Aufhänger für .....
    • Politische Entscheidungen vorbereiten/beeinflussen
  • Projekte planen und koordinieren
    • Problemanalyse
    • Zielanalyse
    • Beteiligtenanalyse
    • Ressourcen
    • Organisation
    • Umsetzung
  • Maßnahmen entwickeln
    • Bestand und Bedarf ermitteln
    • Lösungsstrategien
    • Realisierung
  • Kooperation aufbauen
    • Partner suchen
    • Motivierung
    • fachübergreifende Gruppen bilden
    • Gruppenprozesse steuern
    • Bürgerbeteiligung
    • Vernetzung von Diensten
  • Beratung von Bürgern und Experten
    • zu Gesundheitsfragen
    • zum Gesundheitssystem
    • zu wissenschaftlichen Fragestellungen
    • zu Projekten

5. Kommunale Gesundheitsförderung als Tätigkeitsfeld für PsychologInnen

Wenn wir diese Aspekte gesundheitsfördernden Denkens und Handelns daraufhin befragen, was daran psychologische Gesundheitsförderung - also ein auf psychologischen Erkenntnissen und Methoden basierender Ansatz - ist, so ergibt sich:

Kommunikation, Organisationsentwicklung, Systemveränderung, Gruppenprozesse sind wesentliche Elemente der kommunalen Gesundheitsförderung. Hier können psychologische Fähigkeiten dazu beitragen, diese Prozesse problemadäquat zu beschreiben, zu analysieren, systematisch zu modifizieren und zu steuern. Der Psychologe ist dabei als "Input-Geber", als Katalysator, als Vermittler, Moderator und Koordinator tätig. Weiterhin sollte eine prozeßbegleitende Evaluation geplant und durchgeführt werden.

Fachleute für Gesundheitsförderung können folgende professionellen Haltungen und Rollen einnehmen (vgl. Grossmann & Scala 1994):

  • Experte: Fachkenntnisse vermitteln

    Tätigkeiten: Forschen, Publizieren von Gesundheitsberichten, Fachberatung

    Qualifikation: Wissenschaftliche Expertisen in Gesundheitswissenschaften

  • Anwalt: Orientierungen und Interessen vertreten

    Tätigkeiten: Öffentlichkeitswirksame Aktionen, Überzeugen von Entscheidungsträgern, Bewußtseinsbildung

    Qualifikation: Rhetorik, journalistische Kompetenz, wirksame Interessenvertretung

  • Pädagoge:

Tätigkeiten: Fortbildung in verschiedenen Gesundheitsthemen

Qualifikation: Fachkenntnisse, pädagogische und psychologische Fähigkeiten

  • Organisator:

Tätigkeiten: Organisationsentwicklungsarbeit, Aufbau intersektoraler Kooperationen, Verhandeln, Schaffen von Infrastrukturen

Qualifikation: Soziale Kompetenz, Leiten von Gruppen, Organisationskompetenz, Projektmanagement

Meine Tätigkeit im Kölner Gesundheitsamt läßt sich primär dem ‘Change Facilitating’ zuordnen.


6. Perspektiven

Der Öffentliche Gesundheitsdienst in Deutschland befindet sich zur Zeit im Umbruch. Der Öffentliche Gesundheitsdienst der Zukunft soll z.B. den Ausbau von Servicefunktionen, den Abbau des Images als "Gesundheitspolizei" und das Übernehmen koordinierender Funktionen ansteuern. Stärker als bisher soll die Aufgabe des Gesundheitsschutzes und der Förderung von Gesundheit in allen Lebensbereichen wahrgenommen werden. Diese Tendenzen haben den Deutschen Städtetag veranlaßt, in einem Positionspapier richtungsweisende Vorstellungen festzuhalten.

Positionspapier "Deutscher Städtetag zur weiteren Strukturreform, im Gesundheitswesen" (1994) für die Sitzung des Präsidiums des Deutschen Städtetages

Aufgaben des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD)

Ambulante und stationäre Versorgung erfüllen Anforderungen hinsichtlich gesundheitlicher Fragen und Probleme von Einzelpersonen. Der ÖGD trägt vorrangig die Verantwortung für die bevölkerungsbezogenen Aspekte. Er ist in die Gesamtverantwortung des Staates für die gesundheitlichen Belange der Bevölkerung und des Gesundheitsschutzes als Ganzes eingebunden. Diesem umfassenden Gesamtverständnis entsprechend stellen sich für den ÖGD zunehmen zu den traditionellen Aufgabenfeldern die Aufgaben

  • Sicherstellung der Koordination,
  • Steuerung und Planung von gesundheitsfördernden Maßnahmen und Vorhaben,
  • lnitiierung und Entwicklung umfassender Strukturen der Zusammenarbeit unter verantwortlicher Einbeziehung anderer Verwaltungen, Träger und Gruppen,
  • Entwicklung geeigneter Gesundheitsindikatoren und Gesundheitsberichterstattung als Grundlage für Gesundheitsplanung.

Auch das in der Entwicklung befindliche Landesgesundheitsdienstgesetz für das Land Nordrhein-Westfalen betont die Koordinierungs-, Steuerungs- und Planungsfunktion der Gesundheitsämter. Insofern stehen die Zukunftschancen für die Kommunale Gesundheitsförderung grundsätzlich günstig.

Allerdings behindert die Finanzknappheit in den meisten deutschen Kommunen eine konsequente Umsetzung der allgemein akzeptierten Ideen. In bezug auf die Einstellung von Fachpersonal - das bedeutet meist zusätzliche Personalstellen - sind die Barrieren groß. Trotzdem bleibt zu hoffen, daß eine Umorientierung auch personelle Folgen haben wird und daß PsychologInnen diesen ‘Markt’ nutzen können. Denn psychologisches Know how ist in der kommunalen Gesundheitsförderung noch Mangelware.

Fazit:

Innovation im öffentlichen Gesundheitsdienst ist erforderlich. Dabei bietet das Konzept der kommunalen Gesundheitsförderung eine neue Perspektive.

Diese Perspektive läßt sich durch folgende Merkmale charakterisieren:

  • eine ganzheitliche, mehrdimensionale Sichtweise, die zugleich zentrierend ist,

  • ein ressortübergreifendes, interdisziplinäres Vorgehen,
  • ein beteiligendes, ermutigendes und anwaltschaftliches Zusammenarbeiten,
  • ein vernetzendes, positiv ansetzendes Handeln.

Gesundheitsförderung als Entwicklung gesünderer Strukturen beinhaltet die Aspekte Prioritätensetzung, Aktivierung, Zentrierung, Koordinierung und Vernetzung. Dabei bietet die psychologische Sicht- und Herangehensweise einen systematischen Zugang zu Entwicklungsprozessen.

Literatur:

Akademie für das Öffentliche Gesundheitswesen (Hrsg.) (1987). Gesunde Städte, Düsseldorf

Gargiso: Handbuch der Gesundheitsförderung in der Gemeinde

Grossmann, R. & Scala, K. (1994). Gesundheit durch Projekte fördern. Weinheim

Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW (Hrsg.) (1990). Der öffentliche Gesundheitsdienst der Zukunft, Düsseldorf