Seite erstellt am 18.08.1998
 Seite aktualisiert am 16.04.2014

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Gesundheitsförderung für belastete Familien

Dipl.-Psych. Maximilian Rieländer

Inhalte:


Der familiäre Lebenskontext und seine Bedeutung

Menschen leben meist in ‚Familien' (Kleinfamilie, großfamiliäres Umfeld, unvollständige Familien, Alleinerziehende mit Kindern, Stieffamilien, Ersatzfamilien, familienähnliche Lebensgemeinschaften etc.). Sie möchten sich in familiären Beziehungen und Gemeinschaften wohl und integriert fühlen, was ein starkes Motiv ihres Fühlens, Denkens und Handelns ist. Wenn Menschen sich in 'Familien' integriert fühlen, fällt es ihnen viel leichter, körperlich und seelisch gesund zu leben und sich bei körperlichen und psychischen Erkrankungen zu heilen; wenn Menschen sich wenig in 'Familien' integriert fühlen und darunter leiden, neigen sie mehr zu Erkrankungen von Körper und Psyche. ‚Familien' sind auch primäre Sozialsysteme der Gesundheitsförderung und solidarischer Gesundheitshilfe.

Die Weltgesundheitsorganisation betrachtet in der Zielstrategie "Gesundheit für alle im 21. Jahrhundert" Familien als die wichtigsten Zielgruppen im Feld der Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung, da die Unterstützung partnerschaftlicher und familiärer Integrationsprozesse sich in vielen Lebensphasen auf Gesundheits- und Krankheitsprozesse auswirken kann.

Seit den 70er Jahren spielt im Bereich professioneller psychosozialer Arbeit die systemische Perspektive der Familienorientierung eine große Rolle: Die ‚Familie' gilt als ein zu Stabilisierung strebendes System, in dem die Mitglieder durch viel persönlichen Einsatz zur Integration beitragen.

Familiäre Zielgruppen

Unterstützung im Rahmen einer primären Gesundheitsfürsorge mit Gesundheits- und Sozialdiensten bedürfen vor allem Familien mit besonderen Belastungen:

  • unvollständige Familien, vor allem alleinstehende Elternteile mit Kindern
  • Familien mit schwerwiegenden sozialen Belastungen wie Armut, Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit
  • Familien mit traumatisierten, chronisch erkrankten, psychisch erkrankten, behinderten, pflegebedürftigen und sterbenden Angehörigen
  • Familien in der Trauerphase nach dem Verlust von Angehörigen, auch nach Trennungen und Scheidungen
  • Familien mit Suchtmittel missbrauchenden Angehörigen, auch wegen der familiären Belastungen durch soziale und psychische Auswirkungen des Suchtmittelmissbrauches

Ist ein Familienmitglied durch deutliche Störungen belastet, fühlen sich oftmals auch andere Familienmitglieder belastet, meist weil sie ‚mit-leiden', helfen wollen und sich dabei aber auch oft selbst hilflos fühlen.

In der professionellen Gesundheitshilfe bestehen dann auch folgende systemunterstützenden Aufgaben:

  • günstige Beziehungs-, Verständigungs- und Kommunikationsmuster zwischen primär belasteten und betreuenden Familienmitglieder fördern
  • Unterstützungsmöglichkeiten für direkt belastete Familienmitglieder modellhaft einsetzen und zeigen
  • die Hilfefähigkeiten betreuender Familienmitglieder professionell unterstützen
  • die sozialen und psychischen Entlastungsmöglichkeiten betreuender Familienmitglieder erweitern.

Familienorientierte Angebote der Hilfe

In der psychosozialen, psychotherapeutischen und psychiatrischen Betreuung von Kindern und Jugendlichen ist die gezielte Arbeit mit Familiensystemen weit verbreitet, insbesondere in Erziehungsberatungsstellen und Einrichtungen der Kinder- und Jugendpsychotherapie.

Im Gesundheitswesen gehört es in vielen Bereichen ‚zum guten Ton', Lebenspartner und Familienmitglieder in die Gesundheitsarbeit mit individuellen Klienten einzubeziehen.

Im Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesen gibt es vielfältige familienorientierten Angebote mit direkten oder indirekten Zielen der Gesundheitsförderung:

  • Gesundheitshäuser mit partnerschafts- und familienorientierten Gesundheitsförder-Angeboten
  • Geburtsvorbereitungskurse für Paare
  • sozialpsychiatrische Dienste
  • ambulante Pflegedienste
  • Beratungsstellen für psychosoziale Probleme
  • Drogen- und Suchtberatungsstellen
  • Selbsthilfegruppen für Betroffene und ihre Angehörigen
  • Patientenschulungsmaßnahmen, in die Angehörige miteinbezogen werden können, die seit dem Jahr 2000 auch als GKV-Leistungen zur ambulanten Rehabilitation möglich sind
  • Rehabilitationskliniken für Kinder
  • Hospize, usw.
  • Ehe- und Familienberatungsstellen
  • Dienste der Jugend- und Sozialhilfe
  • Familienbildungsstätten
  • paar- und familienorientierte Angebote in der kirchlichen Erwachsenenbildung, darunter auch die professionell entwickelte Trainings zur Stabilisierung von Partnerschaft "Ein Partnerschaftliches Lernprogramm (EPL)" und "Konstruktive Ehe und Kommunikation" (KEK).

Familienorientierung als gesellschaftliche Zukunftsaufgabe im Gesundheitswesen

Verstärkte Familienorientierung ist eine Querschnittaufgabe für Gesundheits-, Jugend- und Sozialpolitik. Insbesondere ist der Gesundheitsfokus ‚Familie' politisch noch deutlich zu verstärken. Die WHO empfiehlt u.a. den Einsatz von Hausärzten und Familiengesundheitsschwestern, die in familiensystemischer Betreuung fortgebildet sind.

Zur professionellen Familienarbeit brauchen Fachleute vermehrt soziale bzw. system- und kommunikationsbezogene Fachkompetenzen und entsprechende Fortbildungen dazu.

Die Arbeit von PsychologInnen für ‚Familien' und in der familienorientierten Fortbildung

Viele PsychologInnen leisten gesundheitsfördernde und therapeutische Familienarbeit, und zwar in der direkten Hilfe für Familiensysteme, auch durch die Einbeziehung von Familienangehörigen in der Arbeit mit individuellen KlientInnen und weiterhin im Bereich der Aus-, Weiter- und Fortbildung. In vielen der o.g. Bereiche und Einrichtungen professioneller Familienhilfe arbeiten PsychologInnen mit, insbesondere in Beratungsstellen und in Einrichtungen zur Kinder- und Jugendpsychotherapie. PsychologInnen führen in freiberuflichen Praxen Beratungen und Therapien für Paare und Familien sowie Partnerschaftstraninings durch.

PsychologInnen arbeiten in der Aus-, Weiter- und Fortbildung für helfende Berufe. Dabei tragen sie auch sehr zur Förderung der systemischen Perspektive der Familienorientierung bei und befähigen Gesundheitsberufe zu system- und familienorientiertem Denken und Handeln.

"Mehr Gesundheitsförderung für belastete Familien" ist ein zukunftsorientiertes gesundheitspsychologisches Tätigkeitsfeld mit folgenden Aufgaben:

  • Familienorientierung und ihre systemischen Perspektiven in allen Aufgabenfeldern für Gesundheit betonen und entsprechende Sichtweisen in der Fachwelt und der Öffentlichkeit verbreitern
  • Konzeptionen systemischer familienorientierter Interventionen für professionelle Formen der Gesundheitshilfe entwickeln, in Modellprojekten durchführen und evaluieren
  • in nahezu alle Formen professioneller Gesundheitsleistungen Familien miteinbeziehen, die Art der Einbeziehung dokumentieren und Ergebnisse evaluieren
  • in die Aus-, Weiter- und Fortbildung von Gesundheitsberufen, insbesondere von Hausärzten

Familiengesundheitsschwestern und Pflegekräften, sowie in Fortbildungen für Multiplikatoren im Erziehungs- und Sozialwesen systemische und familienbezogene Fachkompetenzen vermitteln.

Die zukunftsorientierten Marktchancen für den Einsatz gesundheitspsychologischer Leistungen in o.g. Einrichtungen der Familienhilfe hängen im wesentlichen davon ab, ob sich - neben den Spartendenzen in den öffentlichen Haushalten - die gegenwärtigen Trends zu einer familienfreundlichen Gesamtpolitik verstärken. Eine gesundheitsfördernde (nicht-therapeutische) Arbeit mit belasteten Familien ist aus Finanzierungsgründen fast nur durch Anstellungen in Einrichtungen der Familienhilfe möglich, jedoch kaum durch freiberufliche Tätigkeiten.

Freiberufliche Marktchancen können sich PsychologInnen mit ‚Familien-Spezialisierung' im Feld der Aus-, Weiter- und Fortbildung, im Feld der Öffentlichkeitsarbeit und Medien sowie eventuell auch durch Mitarbeit in familienorientierten Forschungsprojekten erobern.